Kritik zu „Die Angst vor der Zeit // Saturn“

Die ersten 3 Termine sind abgespielt. Weiter geht es im Herbst und hier schon mal die wunderbare Kritik der kölner Theaterzeitung Akt:

ATME, WENN DU KANNST

Mit „Die Angst vor der Zeit/Saturn“ gelingt Helena Aljona Kühn ein anmutiger, berührender und manchmal tiefgründiger Theaterabend über das Tabuthema Tod. Zwischen Tanz, Performance und Sprechtheater verhandelt die Regisseurin, Autorin und Schauspielerin im Arkadas Theater unser Verhältnis zur Vergänglichkeit mit tiefem Gefühl, Unmittelbarkeit und voller Melancholie.

„Man muss Leben!“ heißt es in Helena Aljona Kühns Textkompilation „Die Angst vor der Zeit/Saturn“. Das Leben, ein Imperativ? Das klingt schrecklich nach Befehl und Gehorsam, nach Unterwerfung und Fremdbestimmung. Im Angesicht immerwährender Todesdrohung wird Leben zu Zwang. Der Mensch kann ja auch nicht einfach nicht-leben. „Wer zwingt mich, dass ich noch am Leben bleibe? / Wer hält mich ab, dass ich mich selbst entleibe?“, lauten in die Textcollage montierte Verse aus François Villons „Die Klagen der schönen Helmschmiedin“. Das läuft auf Befehlsverweigerung durch Selbstmord hinaus. Nur ist damit nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren.

Vor diesem Hintergrund heftet der Zeit bis zum Exitus etwas Manisches bis Hysterisches an. Kühn und ihre Spielpartnerin Christiane Isele werfen sich zu Boden, drehen sich um die eigene Achse, knien, schnaufen, stehen auf, werfen sich erneut auf den Boden, immerfort. Und sie spielen das „Ich-packemeinen- Koffer“-Spiel mit körperlichen und seelischen Zuständen. Die Wörterkette der einen wiederholen und immer wieder um einen weiteren Zustand ergänzen, hin und her geht es zwischen Kühn und Isele: „Sich die Haare ausreißen, in Ohnmacht fallen, einen Würgereflex haben, Weinen, erstarren, um sich schlagen, beten…“ Ein schweißtreibendes Ritual, an dessen Ende lautes, tiefes Atmen steht: Dem untrüglichsten Sinnbild für Leben. Gekonnt spielen Kühn und Isele mit Symbolen und kreisen das Thema des Abends, den Tod, immer wieder neu ein. Das Band des Lebens ist auch der seidenen Faden, an dem selbiges hängt. Das alles findet statt in einer atemberaubenden Tanzperformance auf und um einen Tisch herum. Was mit entspannten Lounge-Sounds von Bonobo beginnt, endet in klaustrophobischen Klängen von Christobal Tapia de Veer.

STERBEN ERLAUBT

„Sie wird nicht mehr aufwachen“, erzählt Isele in eins der Mikrofone an der Rampe. „Der Mund weit offen, als wäre sie da herausspaziert.“ Kühn kontert: „Schlafen kannste, wenn du tot bist.“ Kühns Textmontage bedient sich bei Textauszügen Senecas, dem antiken Meister stoischer Lebensführung, oder beim englischen Soziologen Goeffrey Gorer, der Trauer zur Depression und damit zu einer Krankheit umdeutet. Mit Matthias Claudius Gedicht „Der Tod und das Mädchen“ bringt Kühn eine weitere Perspektive ins Spiel: Im 18. Jahrhundert war das Verhältnis zum Tod durch eine Mischung aus religiöser Innigkeit und Grauen gekennzeichnet, fern jeden Tabus. Es ist ein berührender und großartiger Abend, den Helena Aljona Kühn choreografiert hat. Voller Anmut in Bewegung, Ausdruck, Haltung und Verkörperung, voller Würde im Umgang mit dem heiklen, tabuisierten Sujet Tod.

BERNHARD KREBS

Advertisements